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Zwischen Anerkennung, Kontextualisierung und Reflexion. Oral History im Kontext von Fremdplatzierungsprozessen in den Kantonen Bern und Tessin (1960–1980)

Bühler, Caroline (18 June 2026). Zwischen Anerkennung, Kontextualisierung und Reflexion. Oral History im Kontext von Fremdplatzierungsprozessen in den Kantonen Bern und Tessin (1960–1980). In: SGBF-SGL Jahreskongress: Bildung für eine lebenswerte Zukunft. St. Gallen. 17.-19. Juni 2026.

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Oral-History-Interviews sind in der historischen Forschung weit verbreitet und dienen dazu, die Lebensgeschichten von Zeitzeug:innen sichtbar zu machen (Apel & Leh, 2022, S. 135f.; Michelet & Kempf, 2022). Sie können Hinweise liefern, die die Erkenntnisse aus historischen Quellen schärfen. Neben Potenzialen birgt der Umgang mit biografisch-narrativen Interviews auch Herausforderungen. Erfahrungen aus einem kürzlich durchgeführten Forschungsprojekt (Bühler et al., 2023) verweisen auf disziplinäre Spannungsfelder im Umgang mit Fragen der Aufarbeitung und Partizipation von Zeitzeug:innen in Oral History-Interviews (Immler & Kovács, 2022, S. 4).
Im Projekt «Die ‚gute Familie‘ im Fokus von Schule, Fürsorge und Sozialpädagogik» im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 76 «Fürsorge und Zwang» wurden Fremdplatzierungsprozesse in den Kantonen Bern und Tessin zwischen 1950 und 1980 untersucht (Bühler et al., 2023, 2024; Ducommun, 2024). Die Grundlage hierfür bildeten Behördenakten sowie biografisch-narrative Interviews mit Personen, die von einer Fremdplatzierung betroffen waren. Dieser Mixed-Methods-Ansatz ermöglichte es dem Forschungsteam, sowohl die in den Archivdokumenten aufscheinende Sicht der Fürsorge-, Vormundschafts- und Schulbehörden als auch die Betroffenenperspektive zu berücksichtigen (Bühler et al., 2023, S. 2). Aus Sicht der Behörden erfolgte die Fremdplatzierung im Sinne der Rechtsnorm des Kindeswohls. Die Betroffenen sehen sich durch die Platzierungsentscheide, die im Zusammenspiel von psychologischen Fachpersonen, Schule und Behörden getroffen wurden, diskreditiert und benachteiligt. Ihre Lebensgeschichten zeugen von Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen, die ihre Zukunft, insbesondere ihre Bildungsbiografie, negativ vorgeprägt haben (ebd., S. 4).
Die narrativ-biografischen Interviews haben zu einem bedeutenden Erkenntnisgewinn über die paradoxen und langfristigen Folgen staatlicher Massnahmen geführt (ebd., S. 5). Diese Erkenntnisse leisten einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von «Fürsorge und Zwang» (NFP 76) in der Schweiz. Das Forschungsprogramm wurde von der Kritik aktivistischer Betroffener an der wissenschaftlichen Arbeit begleitet. So wurde etwa die zurückhaltende Berücksichtigung politischer Forderungen oder der mangelnde partizipative Einbezug kritisiert (vgl. Hafner, 2021). Uns war bewusst, dass es bei den Interviewten Ohnmachtsgefühle auslösen könnte, wenn sie die Kontrolle über ihre eigene Geschichte abgeben und sich wie Forschungsobjekte behandelt fühlen. Einerseits waren zwei betroffene Personen direkt an einem der Teilprojekte beteiligt, in dem ein ethnografischer Dokumentarfilm entstand (Bollag, 2023). Der Film schaffte Raum für ihre Sichtweisen und ihre Erinnerungen an die Zugriffe von Schule und Behörden (Bühler et al., 2023, S. 7). Andererseits gab es eine partizipative Weiterführung der Diskussionen in der Umsetzungsphase (Bühler et al., 2022). Dennoch konnte dieses Unbehagen nicht vollständig ausgeräumt werden.
Fragestellung: Der Beitrag thematisiert die Widersprüche zwischen Aufarbeitung und Wiedergutmachung einerseits sowie engagiertem Mitgefühl und Anerkennung andererseits, aber auch zwischen engagiertem Mitgefühl und einer kritisch-distanzierten Haltung. Inwiefern kann ein mehrperspektivischer Zugang dazu beitragen, die Spannungsfelder zu bewältigen, die sich beim Einbezug von betroffenen Zeitzeug:innen in den Forschungsprozess ergeben?
Forschungsdesign und -methode: Das Forschungsdesign des Projekts «Die ‚gute Familie‘» (Bühler et al. 2023) umfasste insgesamt 35 narrativ-biografische Interviews mit von Fremdplatzierung betroffenen Zeitzeug:innen. Im Interviewkontext adressierten wir die betroffenen Zeitzeug:innen als Expert:innen ihrer eigenen Erfahrung (Ducommun, 2024, S. 54; Helfferich 2014). Die Offenheit des narrativen Gesprächs sollte ihnen erlauben, ihre Berichte selbst zu gestalten, Erfahrungen anzusprechen, die ihnen wichtig waren und ihre eigene Begrifflichkeit zu verwenden. Wir erachten die Schilderungen der Betroffenen jedoch nicht als Mittel, um den Wahrheitsgehalt der Akten zu überprüfen. Vielmehr begreifen wir die Ausführungen als eine weitere Perspektive auf Fremdplatzierungen.
Resultate und deren Bedeutung: Das Forschungsteam setzte sich mit dem Dilemma zwischen der wissenschaftlich-distanzierten Aufarbeitung und dem Wunsch von Betroffenen nach Anerkennung und Rehabilitation auseinander und berücksichtigte einige Anforderungen einer qualitativen und sozialanthropologisch informierten Sozialforschung (Immler & Kovács, 2022, S. 4). Es konnten jedoch nicht alle aus der Oral History resultierenden Spannungsfelder aufgelöst werden. Dies verweist darauf, dass der Forschungsprozess als Ganzes reflektiert werden muss.

Item Type:

Conference or Workshop Item

Language:

German

Submitter:

Caroline Bühler

Date Deposited:

31 Aug 2026 11:32

Last Modified:

31 Aug 2026 11:32

Uncontrolled Keywords:

Oral History, biografisch-narrative Interviews, Partizipation, Aufarbeitung, epistemic injustice

PHBern DOI:

10.57694/8126

URI:

https://phrepo.phbern.ch/id/eprint/8126

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